
Erzählkünstler
In diesem Podcast werden regelmäßig vorgelesene Novellen und Erzählungen präsentiert. Es geht um Literatur aus vergangenen Jahrhunderten, die von Schauspielerinnen und Schauspielern professionell eingelesen wurde. Zunächst jeden Dienstag, ab März 2024 jeden zweiten Dienstag gibt es neue Folgen. Ein Hörerlebnis für alle, die sich gerne vorlesen lassen.
Folgen

"Am Südhang" (Eduard von Keyserling) (Teil 4)
Und heute der letzte Teil der Novelle "Am Südhang". Das Duell naht ...

"Am Südhang" (Eduard von Keyserling) (Teil 3)
Der dritte Teil von Keyserlings Erzählung. Es wird gleich zu Beginn spannend.

"Am Südhang" (Eduard von Keyserling) (Teil 2)
Heute der zweite Teil von Eduard von Keyserlings Meisternovelle "Am Südhang".

"Am Südhang" (Eduard von Keyserling) (Teil 1)
Der Sommer hat begonnen. Und nun gibt es in diesem Podcast denn auch die passende Geschichte. Eduard von Keyserlings Novelle „Am Südhang“ spielt – stets von sommerlicher Schwüle begleitet – in und an einem Landhaus, wo sich die Familie des Protagonisten mit einer Gesellschaft umgibt, in die sich ein paar Adelige und eben auch Karl Erdmann mischen. Aus seiner Perspektive wird erzählt, und wie hier

"Der Zug hat gepfiffen" (Luigi Pirandello)
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird immer häufiger der Büroangestellte zum Thema literarischer Erzählungen. Berühmt in deutscher Sprache natürlich die vielen Kafka- und Walser-Figuren, die vor der Kulisse der Sorgfalt, Ordnung und Disziplin oftmals in irgendwelche Schwierigkeiten geraten, die sie sich zuvor aus ihrer sicheren Schreibtisch-Perspektive gar nicht hätten vorstellen können. Auch Luigi

"Rosalie Prudent" (Guy de Maupassant)
Doppelmord! Infantizide! – In der Literatur wird seit den späten 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts von allem erzählt, was den Menschen bewegt. Und es ist ihr gestattet, dies bis zu einer gewissen ethischen Grenze so subjektiv wie irgend möglich zu tun. Doch was wir in „Rosalie Prudent“ zu lesen und zu hören bekommen, ist schier ungeheuerlich, es ist grauenhaft. Eine emotional umwerfende Geschichte

"Acht Uhr" (Robert Walser)
Es ist eine Eigenart der Literatur, der Kunst überhaupt, dass sie Bekanntes, Gewöhnliches, Banales, alle Dinge des Lebens neu betrachtet, aus einer anderen Perspektive. Somit sollte es uns nicht überraschen, dass auch mal eine Uhrzeit literarisch porträtiert wird. Tut es aber doch, denn es ist schon komisch im besten Sinne, wenn Robert Walser in seinem Text „Acht Uhr“ von ihrer „Unerbittlichkeit“

"Stuck ... stuck ... stuck! ..." (Iwan S. Turgenjew)
In den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts gab es in Russland eine breite intellektuelle Strömung, die das individuelle Leben als komplett determiniert ansah. Da war einfach nichts zu machen, wenn die Sterne für einen schlecht standen, das Schicksal es nicht gut mit einem meinte. Iwan Turgenjews Geschichte „Stuck ... stuck ... stuck! ...“ spielt gewissermaßen mit diesem Gedankengut, das höchstwahrsch

"Die Tote" (Guy de Maupassant)
Schmerzensspiegel, brennende Spiegel, Kränze aus Glasperlen und verwelkten Blumen, ein nächtliches Kriechen auf dem Friedhofsboden ... Ja, es wirkt durchaus extrem, was wir in Guy de Maupassants Geschichte „Die Tote“ lesen und hören. Der Erzähler hatte die Verstorbene außerordentlich stark geliebt, seine Worte legen Zeugnis davon ab. Die Liebe ging und geht noch immer so weit, dass er sich schwerl

"Eine Erzählung, aus einem italienischen Buche übersetzt" (Ludwig Tieck)
Ludwig Tiecks Literatur ist anders als die seiner Zeitgenossen. Wer wissen möchte, worin das Spezielle in seinen Werken liegt, der höre die in diesem Podcast sehr erfolgreichen Aufnahmen „Des Lebens Überfluss“ und „Der blonde Eckbert“. Oder eben jene Geschichte, die wir heute vorstellen. Ihre Ausgangslage ist einfach: Ein Kunsthändler ist auf dem Weg zu einem armen Maler, um bei ihm ein, wie er ho

"Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" (Franz Kafka)
Die Ich-Erzählerin macht sich weitreichende Gedanken. Über das Volk, dem sie angehört, soziologische Fragen, psychologische, auch musikalische, vor allem zum Gesang. Da gibt es nämlich diese Josefine, die behauptet, singen zu können. Doch ist es überhaupt ein Singen, nicht eher ein Pfeifen? Nur weil sich jemand „feierlich hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun“, ist sie doch keine Kün

"Der Uhrenmacher" (Hans Henny Jahnn)
„Er tut etwas für mich.“ – Mitten in der Erzählung, die sich lange um Uhren und Orgeln aus verschiedenen Jahrhunderten dreht, um Verwandlungen und Tierschreie, um eine ganze Wunderwelt der Mechanik und Phantasie, fällt dieser Satz. Er stammt vom Sohn, der die Geschichte erzählt, und bezieht sich auf den Vater, den Uhrenmacher. „Das habe ich für dich getan“, hatte dieser gesagt und eine seiner Auff

"Herbst" (August Strindberg)
Jetzt sei „der Zauber gebrochen“, heißt es einmal in dieser Geschichte, „die letzte Spur der Geliebten war verschwunden“. Bitter. Auch, weil all das Erzählte in Strindbergs „Herbst“ paarpsychologisch vollkommen nachvollziehbar ist. Hier wird nicht gewertet, geurteilt, es wird dargestellt, schonungslos. Zum Ende hin wird es immer härter, unbarmherzig, aber: nicht ganz ohne Hoffnung. Und ja! Die gab

"Durch den Garten von Schloss Rosenborg" (Herman Bang)
Ein kleiner, feiner Text. Wie mit frisch gespitztem Bleistift zu Papier gebracht. Nur Notwendiges wird notiert. Auch der Erzähler bleibt außen vor, wir erfahren fast nichts über ihn. Ein Beobachter eines Paars ist er, eine Art liebevoller Voyeur, also einer im außererotischen Sinne.
Der Autor Herman Bang malt oder schmückt in seiner Geschichte nichts aus, er deutet nur an, überlässt alles Weitere

"Zuversicht" (Adalbert Stifter)
Vatermord! Lassen wir Sigmund Freud, Sophokles’ Ödipus und auch die spätestens seit Erich Fromm geltende symbolische Bedeutung dieses Begriffs außen vor. Denn das alles spielt in Adalbert Stifters mitreißender Novelle „Zuversicht“ keine Rolle. Dieser Autor lässt den Sohn wirklich den Vater töten, und das ganz bewusst! Unglaublich eigentlich, aber wahr in der literarischen Wirklichkeit. Ein Tabubru

"Der entwendete Brief" (Edgar Allan Poe)
In der Psychologie gibt es den Begriff Theory of Mind. Er beschreibt die Fähigkeit Einzelner, sich in die mentale Welt anderer hineinversetzen und somit deren Gedanken und Überzeugungen erschließen zu können. Es ist ein kognitives System, das einen radikalen Perspektivenwechsel ermöglicht. Zwar erwerben wir diese Fähigkeit bereits im Kindesalter, doch es hilft, wenn wir sie später weiterhin pflege

"Verschlossene Weihnachtstüren" (Eduard von Keyserling)
Zugegeben: Die Frauenfiguren in dieser Geschichte wirken auf den ersten Blick recht naiv. Auf den zweiten ist die Lage allerdings anders, wie so oft in der Literatur. Denn es sind eben die drei weiblichen Figuren, die ihren jeweils eigenen Weg gehen, mit Kurt, mit Alfred, mit Oskar – nur eben nicht mit Helmar, dem Baron. Er sucht unentwegt feminine Gesellschaft, ständig aus „auf die Gegenwart eine

"Das Erbe" (Virginia Woolf)
Kein Hinweis. Keine Ahnung. Keine Idee. Nichts spürte Gilbert Clandon von der nahenden Katastrophe. Und die raste längst auf ihn zu. Beschäftigt in politischen Kreisen der Londoner „upper class“, also stets mit scheinbar wichtigen gesellschaftlichen Treffen und Entscheidungen befasst, bemerkte er nicht, was im Privaten ablief. Angela, seine Frau, liebte einen anderen. Solange sie lebte, hatte er d

"Das Erbe" (Virginia Woolf)
Kein Hinweis. Keine Ahnung. Keine Idee. Nichts spürte Gilbert Clandon von der nahenden Katastrophe. Und die raste längst auf ihn zu. Beschäftigt in politischen Kreisen der Londoner „upper class“, also stets mit scheinbar wichtigen gesellschaftlichen Treffen und Entscheidungen befasst, bemerkte er nicht, was im Privaten ablief. Angela, seine Frau, liebte einen anderen. Solange sie lebte, hatte er d

"Der Kuss" (Anton Tschechow)
Eine Gesellschaft, ein Empfang. Offiziere, ein General, auch Frauen sind da. Eine Fliederfarbene, eine Blonde ... Es wird getanzt, Kognak wird gereicht. Und offenbar fühlen sich all die zunächst als müde beschriebenen Gäste in dem aristokratischen Herrenhaus wohl, angeregt. Der schüchterne Rjabowitsch jedoch, der mit dem „Luchsbackenbart“ (schon früh spielen Bärte in dieser Erzählung eine Rolle),

"Ein Besuch im Bergwerk" (Franz Kafka)
Ach, Kafka! Was ist das denn schon wieder für ein Meisterstück!? Arbeiterliteratur der anderen Art? Ging es in jener der 1960er- und 70er-Jahre stets um die harte Realität der werktätigen Bevölkerung, machst du das alles natürlich ganz anders. Obwohl hier, in „Ein Besuch im Bergwerk“, anfangs, im ersten Satz, alles noch seine Ordnung hat. Die Hierarchie eines Bergwerk-Unternehmens vergangener Tage

"Der Auftrag" (Honoré de Balzac)
Als Leserin und Hörer sollten wir misstrauisch sein, wenn in einem literarischen Werk von einer „wahren Geschichte“ die Rede ist. Denn Dichter heißen ja so, weil sie ein Geschehen – ob wirklich stattgefunden oder frei erfunden – zu verdichten und auch zu erdichten wissen. Wertvolle künstlerische Texte sind alles andere als etwa Abbildung dessen, was allgemein Wirklichkeit, Wahrheit oder Realität g

"Drei Wünsche" (Johann Peter Hebel)
Es liegt nahe, hier zu schreiben: Heute geht es um die Wurst! Das stimmt zwar, ist aber doch zu albern. Daher nochmal von vorne:
Es war einmal eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat (frei nach Peter Handke). Oder doch nicht? Doch nur im Märchen? Johann Peter Hebel jedenfalls war ein Pfarrer und Autor in der romantischen Märchenzeit und schrieb volkstümliche Geschichten, die er 1811 in ei

"Henry und Eliza" (Jane Austen)
Die Literatur bietet Autorinnen und Autoren ein Feld für Ideen, Vorstellungen, Phantasien, die so wild oder verrückt und außergewöhnlich sein können, dass sie sie eben nur dort, auf diesem Feld, artikulieren können. Gerade in jungen Jahren wird gerne etwas ausprobiert, und das auch von Schriftstellerinnen, von denen die Leserschaft das überhaupt nicht erwarten würde. So hat Jane Austen in ihrem Fr

"Die Begegnung mit dem Toten" (Rudolf Borchardt)
Eile, große Eile. Die Zeit wird knapp bis zum Treffen. Radfahrer, die den Lauf stören, Autos, die den Weg versperren. Großstadtgetümmel. Der Beginn der Erzählung „Die Begegnung mit dem Toten“ wirkt realistisch, ist aber pseudo-realistisch, wie wir bald bemerken. Denn nichts des anfangs Beschriebenen scheint im Verlauf der Geschichte verlässliche Erzählwirklichkeit zu sein. Wir Leserinnen und Hörer

"Das Mädchen von Arles" (Alphonse Daudet)
Ach, all diese Selbstmorde in der Literatur! Goethes Werther und Flauberts Madame Bovary sind zwei sehr berühmt gewordene Suizid-Figuren, viele weitere folgten: Baudelaire (vgl. "Der Strick" in diesem Podcast), Fontane, Hamsun, Hesse, Thomas Mann bis hin zu Bernhard, Handke und Julian Barnes in unserer Zeit schrieben über ausweglose Situationen solch unglücklicher Menschen. Und noch viele mehr. Lä

"Der Weg der Pflicht" (Henry James)
Henry James gilt international als einer der erzähl- und psychologisch raffiniertesten englischsprachigen Autoren des späten 19. Jahrhunderts. Deutsche Verlage jedoch geben Novellensammlungen heraus, die Titel wie „Gespenstergeschichten“ tragen – was die Erzählungen banaler wirken lässt als sie sind. James ist kein Unterhaltungsschriftsteller! Woanders ist die Rede davon, dass James Klatschgeschic

"Im Siegeskranze" (Wilhelm Raabe)
In der Medizin spricht man von einem multifaktoriellen Geschehen, wenn es um die Ursachen einer Störung geht. Immer seltener gehen die Forscher von einem einzigen Grund aus, sie sehen eher ein biopsychosoziales Ursachenbündel am Werk, insbesondere bei psychischen Erkrankungen. In der Literatur des 19. Jahrhunderts war das anders. Da werden Figuren von einem Moment auf den nächsten „wahnsinnig“, „v

"Bis zur Dämmerung" (Franz Kafka)
Folgte man dem Prinzip der aktuell gängigen Literaturbetrachtung, dem zufolge der Erzähler gar nicht vom Autor zu trennen ist, stammt der hier heute vorgestellte Text ja wohl von einem psychisch gestörten Menschen. Das Ganze wirkt – so gesehen – wie eine Derealisation des Autors, die auf eine dissoziative Persönlichkeitsstörung hinweist, die ihrerseits möglicherweise auf einem Trauma basiert, wahr

"Die Marquise von O...." (Heinrich von Kleist)
Satzzeichen hört man nicht. Das ist schade. Denn die Novelle, die wir heute präsentieren, enthält den berühmtesten Gedankenstrich der deutschsprachigen Literatur. Und was er ersetzt, wofür er steht, ist etwas Abscheuliches: die Vergewaltigung einer Frau. Erzählt wird darüber nicht, jedoch davon, wie es dazu kam und was das alles bedeutet für die Marquise von O.... Verstoßen von den Eltern, die ihr

"Eine kaiserliche Botschaft" (Franz Kafka)
Etliche Kafka-Werke spielen in Grenz- oder Schwellengebieten. Die Figuren bleiben dort stecken, hängen fest im Zwischenreich. Es geht einfach nicht weiter. Wir erinnern uns an den Landarzt oder an den Mann vom Lande in „Vor dem Gesetz“, auch an den eigentlich toten, aber dann doch auch lebendigen Mann aus „Der Jäger Gracchus“, an das Zwirnspulen-Wesen Odradek, das sich in „Die Sorge des Hausvaters

"The birth of the heir" (William Thackeray)
Es ist sicher nicht immer ratsam, einen mütterlichen Brief zu lesen, der aus jener Zeit stammt, in der man selbst ein Säugling war. Sicher, es ist möglich, dort Schwärmerisches über sich selbst zu vernehmen, wie süß das Baby sei und wie aufgeweckt es in die Welt schaue. Doch es ist auch nicht ganz unwahrscheinlich, dass dort von einer ständigen Belastung die Rede ist, insbesondere dann, wenn es da

"Bartleby, der Schreiber" (Teil 2) (Herman Melville)
Natürlich fragen sich Hörerinnen und Hörer, wie diese seltsame Geschichte um Bartleby, den Anwalt und die Kollegen wohl ausgehen wird. So viel sei verraten: Ungewöhnlich. Eine solche Erzählung muss ungewöhnlich enden.

"Bartleby, der Schreiber" (Teil 1) (Herman Melville)
In der Literatur tummeln sich schräge Figuren: Narren, Schelme, Pechvögel, merkwürdige, randständige Gestalten, die anders sind, weit entfernt vom Normalen und Durchschnitt. Schon das macht sie für Schriftsteller interessant und für Leser und Hörer attraktiv. Auch in diesem Podcast sind wir bereits einigen begegnet: etwa Baudelaires Possenreißer, all den extrem individuellen Tieck-, Hoffmann- und

"Rettung" (Friedrich Glauser)
Friedrich Glauser schrieb diese Erzählung im Jahr 1931. Keine gute Zeit für sensible Kinder. Strenge Autoritäten und steile Hierarchien allüberall. So wird in „Rettung“ denn auch eine rüde, feindselige Umgebung beschrieben, auch zu Hause, wo die arme Mutter durchweg „übellaunig“ und ungerecht ist. Ein Kind, das sich nirgendwo gut aufgehoben fühlt, neigt zu Phantasien, Imaginationen, Träumen. So au

"Das Fliegenpapier" (Robert Musil)
Wir haben hier bislang Werke vieler bedeutender Autorinnen und Autoren veröffentlicht, und es werden noch einige folgen. Welcher Name fehlte – und das fällt dann ja doch auf –, ist Robert Musil. Natürlich können wir sein zentrales Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ nicht aufführen, jenen Roman, der mehr als 1000 Seiten umfasst, jedoch eine kleine Erzählung, die eine erstaunliche Karriere in Deutsc

"Der Liebestrank" (Stendhal)
Eine Frau und ein Mann. Sie, Leonor, Spanierin, 19 Jahre jung, steckt offenbar in Schwierigkeiten und erzählt von ihrer unglücklichen Vergangenheit. Er, Liéven, hat sie leicht bekleidet und derangiert auf der Straße gefunden, ist armer französischer Leutnant und verehrt sie schnell, findet sie „wunderschön“. Schwört ihr Treue. Ungefragt. Sie erzählt von ihrem Ehemann und von ihrem Liebhaber und ma

"Der Jäger Gracchus" (Franz Kafka)
Die Eingangsbeschreibungen ähneln jenen im modernen Film. Blick folgt auf Blick, Perspektivenwechsel unentwegt, scheinbar unverbunden. Es gibt lange keine rechte Handlung. Nur Szenen. Doch dann treffen Gracchus und der Bürgermeister von Riva aufeinander. Gracchus wirkt zunächst tot. Steht aber auf, scheint zu leben. In Gracchus’ folgenden Erzählungen ist von Treppen die Rede, von einem Boot, Fenst

"Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau" (Achim von Arnim)
Achim von Arnim schrieb seine Novelle „Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau“ im Jahr 1818. Die Schauspielerin, Sängerin und Sprecherin Christiane Hagedorn nimmt sich mehr als 200 Jahre später nicht irgendwie des Textes an, nein: Sie verwandelt ihn in ein modernes Hörspiel mit vielen Stimmen und Temperamenten, die allesamt sie selbst übernimmt. Auf der Basis eines Werks, das kaum noch jemand k

"Ein Brief" (Hugo von Hofmannsthal)
Philipp Lord Chandos, der fiktive Dichter in diesem Werk, möchte lieber über ein fernes „Hirtenfeuer“ und das letzte Herbst-Zirpen einer „dem Tode nahen Grille“ als über das „majestätische Dröhnen der Orgel“ schreiben. Die kleinen Objekte und alltäglichen Vorgänge liegen ihm. Dann schwebt ihm aber auch ein opulentes Multi-Kunstwerk vor, eine Mischung aus antiker Kunst und italienischer Renaissance

"Allerleirauh" (Brüder Grimm)
Es wirkt hier vieles spielerisch. Zwei Verliebte nähern sich einander an, es werden geheimnisvolle Zeichen gesendet, Ringe und andere Objekte ausgetauscht. Doch gleich zu Beginn des Märchens „Allerleirauh“ wird auch klar, was den tiefen, langen Schatten auf alles Weitere legt, was es untergründig so düster und lange ausweglos macht. „Ich will meine Tochter heiraten, denn sie ist das Ebenbild meine

"Der Sandmann" (E.T.A. Hoffmann) (Teil 2)
Es bleibt schaurig und wirkt bedrohlich! Wir hören von Bränden, einem gerade noch abgewendeten Duell, von „kindischer Gespensterfurcht“, einer Szene vor dem Traualtar, die in einer Katastrophe mündet. Wieder alles nur Einbildung des Nathanael?
Er liebt nun Clara innig, wirkt eine Zeit lang wie erlöst von seinem Leiden, doch so bleibt es nicht. Es geht auf und ab mit ihm und seinen offenbar krankha

"Der Sandmann" (E.T.A. Hoffmann) (Teil 1)
Ein „böser Mann“ sei der Sandmann, erzählt die Kinderfrau dem kleinen Nathanael. Er komme zu den Kindern, „wenn sie nicht zu Bett gehen wollen, und wirft ihnen Säckevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack“. Seine eigenen Nachkommen hätten „krumme Schnäbel, wie die Eulen“, damit pickten sie „der unartigen Menschenkindlein Augen auf“. Puh. Solch

"Poetenleben" (Robert Walser)
Gleich im ersten Satz seiner Geschichte „Poetenleben“, die wir heute vorstellen, klingt Robert Walsers meist konsequent ironische Erzählhaltung an: „Aufgrund der Ermittlungen, die wir veranstalten zu sollen geglaubt haben, können wir sagen, dass dieser Poet eine verhältnismäßig mangelhafte, d.h. dürftige Erziehung genoss“. Oftmals ist es in Walsers Texten so, dass ein Satz eine banale Aussage enth

"Das Schweigen der Sirenen" (Franz Kafka)
Es ist Weihnachten. Und doch hören wir heute keine Geschichte über Jesus, sondern über eine Gestalt, deren Ursprung noch weit länger zurückliegt: Odysseus. Er war und ist heute noch in Griechenland der beliebteste unter den mythischen Helden, jener, der auf seinem Heimweg vom Trojanischen Krieg etlichen Gefahren ausgesetzt war. Im 12. Gesang der „Odyssee“ lässt Homer ihn von seinem Zusammentreffen

"A painful case" (James Joyce)
Zwei Menschen treffen aufeinander, aus verschiedenen sozialen Milieus in Dublin stammend: Mrs. Sinico ist die Ehefrau eines Frachter-Kapitäns, der sehr viel unterwegs ist – Mr. Duffy ist ledig, ein Bank-Angestellter mit einem deutlichen Hang zur Ordnung und zum Biederen. Er lebe „in Entfernung zu sich selbst“, heißt es, seine Vergangenheit sei „eine Geschichte ohne Abenteuer“. Doch dann ist er bee

"Vor dem Gesetz" (Franz Kafka)
Franz Kafka ist ein Autor, der Szenen erzählerisch so scharf konturiert und plastisch macht, dass Leserin und Leser emotional stark berührt werden. Die Situation, welche die Emotion provoziert, ist meist ungewöhnlich, originell, neu. Eine Verwandlung in ein Ungeziefer etwa, die Begegnung mit zwei auf- und abspringenden Tischtennisbällen oder auch mal ein „Mann vom Lande“, der eine Reise hinter sic

"Lächeln" (D.H. Lawrence)
Düster beginnt es, dunkel. Im Nachtzug von Frankreich nach Italien. Ein Telegramm. Melancholie. Ein Gefühl der Buße. Es war offenbar eine nicht ganz einfache Beziehung, deren definitives Ende hier beschrieben wird. In zehn Ehejahren habe Ophelia ihren Mann „ein dutzendmal“ verlassen, hören wir – dieses Mal „für immer“, sagt dieser sich nun. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Matthew, der den L

"Der arme Spielmann" (Franz Grillparzer) (Teil 2)
Im zweiten Teil der Aufnahme kommen wir Hörer bald an den Kern der Novelle, an das eigentlich Erschütternde. Und alles, was wir hier hören, ist emotional bewegend. Jakobs Bescheidenheit, seine Randständigkeit, sein Außenseitertum, seine schräge Art zu musizieren, seine maßlose, rührende Verehrung der Tochter des Lebensmittelhändlers, sein Unvermögen, sich ihr angemessen zu nähern, seine Plumpheit,

"Der arme Spielmann" (Franz Grillparzer) (Teil 1)
Der Text und der Autor, die wir heute hier vorstellen, sind erstaunliche Einzelfälle – Ausnahmen von der Regel. So ist Franz Grillparzers „Der arme Spielmann“ ganz ohne Zweifel eine der schönsten, emotional bewegendsten, psychologisch einfühlsamsten sowie sprachlich eingängigsten Novellen der gesamten deutschen Literatur – zugleich aber weitgehend vergessen. Weder in der Germanistik noch in andere

"Schreiben" (Michel de Montaigne)
Heute geht’s um den Kern des Ganzen. Um das Wesentliche. Um die Grundlage der schriftstellerischen Erzählkunst und die unseres Podcasts. Michel de Montaigne schreibt vom Schreiben, und er tut dies in einer speziellen Form. Er gilt als Erfinder, Erstautor der auch heute noch unter Schriftstellern beliebten Textgattung Essay. Dass sie beliebt ist, ist alles andere als verwunderlich, denn das Program

"Blumfeld, ein älterer Junggeselle" (Franz Kafka)
Wenn der Mensch lange alleine lebt, ohne Abgleich und Austausch mit irgendeinem Partner – Freund, Freundin, Liebespartner, Verwandter –, ohne den vielleicht auch mal korrigierenden Einfluss von außen, dann wird er möglicherweise sehr eigen, komisch, kauzig. Entwickelt Gewohnheiten, die nur er selbst zu ertragen imstande ist, und Ansichten, die dann schwerlich auf ein gesundes soziales Verständnis

"Nachtängste/Die Mutter" (Rainer Maria Rilke)
Es ist sehr vieles geschrieben worden über Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Ein Werk voller vollkommen neuer Bilder, die niemand im deutschen Sprachraum auch nur erahnen konnte. So wie in dem Ausschnitt, der ab heute hier zu hören ist. Von der „Existenz des Entsetzlichen“ ist hier die Rede, von im menschlichen Körper und Unbewussten wirkenden, von außen stammenden Kräfte

"Wie Don Quijote und Sancho nach ihrem Dorfe kamen" (Miguel de Cervantes)
Den Begriff „Fake“ gab es im 17. Jahrhundert sicher noch nicht („Fake News“ gibt es seit 1890). Doch es gab Literatur-Fälschungen. So lagen im Jahr 1615 gleich zwei Fassungen des zweiten Bandes des großen Erfolgs „Don Quijote de la Mancha“ vor. Zunächst eine Fälschung, dann das Original von Cervantes. Doch langsam, eins nach dem anderen.
Die Geschichte rund um Don Quijote und Sancho Pansa ist Allg

"Die Sorge des Hausvaters" (Franz Kafka)
Was sind in der Literatur nicht alles für Figuren besungen worden!? Heldinnen, Helden, schöne Wesen, auch hässliche, sportliche, kluge, mysteriöse, mythische, merkwürdig und übermenschlich wirkende … Und Kafka? Wen oder was besingt Kafka in „Die Sorge des Hausvaters“? Odradek! Ein Wesen, das „zunächst“ aussieht „wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezo

"Die Andere" (Sherwood Anderson)
Es gibt wunderbare zwischenmenschliche Anziehungskräfte, wir spüren und erleben sie meist völlig unvorbereitet, oft in wandlungsstarken Zeiten. Die Literatur will, wenn sie davon erzählt, nichts entschuldigen oder bewerten – sie will nur darstellen und seit dem 20. Jahrhundert häufig auch den psychologischen Hintergrund beleuchten.
Da ist diese Frau aus dem Zigarren- und Zeitungsstand, in einem bi

"Amor und Psyche" (Apuleius) (Teil 2)
Die Wandlungsgeschichte geht weiter. Und sie behält das Märchenhafte: zwar keine Stief-, aber eine böse, grausame Schwiegermutter; scheinbar unlösbare Aufgaben, vor denen Psyche steht; ihr dabei helfende Tiere; ja, sogar eine Pflanze ist „mitleidig“ und behilflich. Das Schilf hilft … Ein Adler ist Kupido noch was schuldig, doch auch er kann nicht verhindern, dass Psyche weiter leidet und gar in de

"Amor und Psyche" (Apuleius) (Teil 1)
Heute mal ein Märchen, ein für die Literatur- und Kunstgeschichte sehr bedeutendes Kunstmärchen. Rodin und viele andere bildende Künstler nahmen die Geschichte zum Anlass für Skulpturen, die immer das Gleiche zeigen: Amor und Psyche, nackt, eng umschlungen. Warum ist die Geschichte unter Künstlern so berühmt geworden? Was ist hier los?
Psyche ist eine Königstochter. Überirdisch schön, wie sie ist,

"Nachbarn" (Eduard von Keyserling)
Eine Frau und ein Mann rudern abends raus auf den See und warten darauf, dass sie etwas spürt. Wir wissen nicht, was sie spüren soll. Es wird nicht mitgeteilt, bleibt unserer Phantasie überlassen. Zwei andere, auch Frau und Mann, belauschen diese beiden. Er ist ein Beamter, der in sich selbst einen Dichter sieht und meint, nun, als das beobachtete/belauschte Paar mit dem Ruderboot in einen Konflik

"Der blonde Eckbert" (Ludwig Tieck)
Ludwig Tiecks Novelle „Der blonde Eckbert“ entstand im Jahr 1797, mitten in der deutschen Romantik, als der Phantasie oftmals eine Art freier Lauf gelassen wurde. Und die Binnenerzählung dieses Werks – die erzählte Lebensgeschichte der Figur Bertha – gleicht denn auch einem romantischen Märchen, erzählt am Kamin und voller aufregender Ereignisse und überraschender Wendungen. Tieck zeigt sich im Hi

"Das Urteil" (Franz Kafka)
Heute bringen wir eine Erzählung zu Gehör, die nicht nur den Autor selbst davon überzeugte, ab nun ein Schriftsteller zu sein, sondern darüber hinaus „die Gestalt der Weltliteratur“ und den „neuzeitlichen Begriff von Literatur überhaupt“ veränderte (so Peter von Matt, der berühmte Literaturwissenschaftler). Es ist ohne jeden Zweifel einer der bedeutendsten Texte des 20. Jahrhunderts: „Das Urteil“.

"Das Hauskonzert" (Peter Altenberg)
So wie in dieser Geschichte war das wohl einmal: Ein Kind wird von seinen Eltern oder von einem Elternteil missachtet oder gar verachtet. Steile Hierarchien gab es in vergangenen Zeiten nicht nur in Institutionen und öffentlichen Einrichtungen, sondern auch innerhalb der Familien. Genau reflektiert, gibt es sie und solch ein Geschehen heute noch, nur wahrscheinlich seltener. Hoffentlich.
Wenn wir

"Die Sphinx ohne Geheimnis" (Oscar Wilde)
Dieser Podcast ist kein starres, sondern ein lernendes System. Und da es in jüngster Zeit ein paar Stimmen gab, die sagten, dass die Kafka-Wochen zwar tolle Texte offenbaren, durch sie zugleich aber auch etwas verloren gehe, das den Podcast wesentlich ausmache – nämlich Textvielfalt und Abwechslung –, rücken wir ein wenig vom Plan ab und präsentieren in dieser und der nächsten Ausgabe mal wieder W

"Ein Brudermord" (Franz Kafka)
Kain, der Sohn von Eva und Adam, erschlug seinen Bruder Abel. Schon in der zweiten Generation der Menschheitsgeschichte ein Mord! Ein Brudermord! Zumindest im jüdisch-christlichen Glauben.
Auch sehr berühmt und ausführlich in der Genesis erzählt: die Konkurrenzgeschichte um Jakob und Esau, die Zwillinge, die knapp hintereinander geboren wurden. Jakob hatte sich unter der Geburt an Esaus Fersen fes

"Ein Landarzt" (Franz Kafka)
Es ist ein unerhörtes Geschehen, das hier geschildert wird. Ein Desaster! Gleich zu Beginn die furchterregende Situation: Der titelgebende Landarzt steht vor der Frage, wen er bevorzugen und wen er in gewisser Weise opfern muss. Das schöne Hausmädchen Rosa wird vom Pferdeknecht bedrängt, es wird ihr Gewalt angetan, es droht eine Vergewaltigung. Der Arzt jedoch wurde zu einem Patienten gerufen. Und

"Der Esskünstler" (Ludwig Börne)
Alle menschlichen und zwischenmenschlichen Lebensbereiche werden in der Literatur zum Thema, auch das Hungern (wie in der letzten Podcast-Folge) und das Essen, dem sich Ludwig Börnes satirische Geschichte „Der Esskünstler“ widmet. Der Ich-Erzähler sitzt diesem Künstler gegenüber, und wir, die Leser und Hörerinnen, erfahren etwa, dass dieser außergewöhnliche Mensch nie mit der Gabel zu essen pflegt

"Ein Hungerkünstler" (Franz Kafka)
Ach, all diese Geschichten, in denen Nahrung jeglicher Art eine große Rolle spielt: Eva und der verbotene Apfel zum Beispiel oder der Schierlingsbecher, aus dem Sokrates trinkt, und die Madeleine, die Marcel in Prousts Roman in Lindenblütentee taucht und das Plätzchen probiert, worauf sich in ihm eine unwillkürliche Erinnerung bildet, die er dann auch noch zu Papier bringt ...
Bei Kafka ist wieder

"Der Strick" (Charles Baudelaire)
Schön ist es nicht, was in „Der Strick“ erzählt wird. Vieles wirkt hier widernatürlich, unangenehm, teilweise auch schockierend. Nun ja, der Schriftsteller Charles Baudelaire wollte nie nur Schönes erzählen. Im Jahr 1857 wurde er mit einem Schlag bekannt, als der Gedichtband „Les Fleurs du Mal“ (dt.: „Die Blumen des Bösen“) erschien. Er und sein Verleger wurden wegen angeblicher Obszönitäten und B

"Die Fermate" (E.T.A. Hoffmann)
Was für eine Kunstnovelle! Malerei, Tanz und ganz viel Musik enthält sie. Und wie kunstvoll sie selbst gestaltet ist! Schon zu Beginn: Der erzählerische Ebenenwechsel von der fiktiven Realität, die ihrerseits von einem Gemälde geprägt ist, zu der erzählten Erzählung des Theodor, die wiederum vom Gemälde ihren Ausgang nimmt, ist nicht weniger als genial herbeigeführt. Hoffmann leitet den Leser und

"Eine kleine Frau" (Franz Kafka)
Es gibt einige Kafka-Geschichten, in denen das Zwischenmenschliche als nicht funktionierend dargestellt wird. Dann werden Vermutungen über den jeweils anderen Menschen geäußert, mögliche Beweggründe für sein merkwürdiges, irgendwie nicht passendes Verhalten erörtert und Konsequenzen daraus für das Verhältnis und Rückwirkungen des Ganzen auf das erzählende Subjekt angeführt – kurz: Statt miteinande

"Des Lebens Überfluss" (Ludwig Tieck) (Teil 3)
Wer hat schon gern Streit mit dem Vermieter?! Doch eins nach dem anderen: Es sind inzwischen deutliche Unterschiede zwischen den beiden „Vereinsamten, Verarmten und doch Glücklichen“ zu bemerken. Clara hofft auf den Frühling, das Naturzeichen des Neubeginns, als „Orakel“, wie sie sagt, dass sich bald ihr Schicksal „zum Besseren kehren wird“. Heinrich hingegen sucht weiterhin Überflüssiges im Haus

"Des Lebens Überfluss" (Ludwig Tieck) (Teil 2)
Ludwig Tieck hätte diesen Podcast wahrscheinlich gemocht. Denn eine Zeit lang hat er etwas ganz Ähnliches veranstaltet: das Dramenvorlesen. Es ging ihm darum, das Dichterische in der Dramatik zu betonen, die literarische Sprache als Kunstform – ohne die Ablenkungen durch Bühnenaktionen. Das ist den Zielen, die wir hier verfolgen, recht verwandt. Schön zu wissen, dass es vor ca. 200 Jahren schon et

"Des Lebens Überfluss" (Ludwig Tieck) (Teil 1)
Ein so gebildeter und talentierter Autor wie Ludwig Tieck weiß natürlich, wie ein eindrucksvoller Novellen-Anfang gestaltet werden sollte. Gleich rein in das Ereignis. Allerdings: Was genau geschah, bleibt zunächst unaufgeklärt. Wir lesen/hören zu Beginn der Novelle „Des Lebens Überfluss“ etliche Versionen des möglicherweise Geschehenen, Vermutungen, mit vielen phantasiereichen Katastrophen- und S

"Der Nachbar" (Franz Kafka)
Ob nun mobil oder, wie früher, stationär und mit Kabel dran – Telefone wurden in den vergangenen Jahrhunderten immer wichtiger. Auch in der Literatur. Man denke etwa an all die populär gewordenen Detektivromane – ohne Telefon lief da gar nichts. Doch das gilt nicht für die Kafka-Figur Harras. „Harras braucht kein Telefon, er benutzt meines“, heißt es in „Der Nachbar“. Hier wird ein junger Mann bes

"Ein Besuch" (Wilhelm Raabe)
Hochwertige literarische Texte sind selten nur realistisch. Meist enthalten sie Geheimnisvolles, Merkwürdiges, Imaginatives, Figuren oder Wesen, die nicht ganz durchschaubar sind, rätselhaft bleiben, oft auch unheimlich. Das alles gehört seit Jahrhunderten zu spannenden Geschichten, verstärkt seit der Romantik, einer ungeheuer vielfältigen Zeit des phantasiereichen Erzählens. Diese hatte auch Folg

"Kora" (George Sand) (Teil 2)
George Sand lebte von 1804 bis 1876 und wird häufig als eine der frühesten europäischen Feministinnen gefeiert. Als Autorin wird sie meist unterschätzt. In Bezug auf „Kora“ wird dann etwa von einem Porträt „des kleinstädtischen Philistertums“ und ähnlichen Allgemeinheiten geschrieben. Doch die philisterhafte Gesellschaft ist nur die Kulisse für etwas anderes. Sand porträtiert einen Mann, der emoti

"Kora" (George Sand) (Teil 1)
Im 19. Jahrhundert war es einer Frau nahezu unmöglich, literarische Werke zu veröffentlichen, und schon gar nicht solche wie die der Französin George Sand! Sie tat es denn auch unter männlichem Pseudonym. Seit den 1830er-Jahren schrieb Sand etliche Geschichten und Romane, die meist die Emanzipation der Frau thematisierten. Eine frühe Feministin. Und eine Irritation. Doch nicht nur eine schreibende

"Der geheimnisvolle Briefschreiber" (Marcel Proust)
Lange Zeit dachten Literaturwissenschaftler, dass alle je geschriebenen Werke von Marcel Proust bekannt wären. Doch plötzlich, im Jahr 2018, fanden Nachlassverwalter des französischen Verlegers Bernard de Fallois, der über Prousts äußerst einflussreiches Romanwerk „À la recherche du temps perdu“ („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“) hatte schreiben wollen, einige bislang unbekannte Erzählunge

"Der Maler Titorelli" (Franz Kafka) (Einleitung)
Vieles wird diesem Autor zugeschrieben. Was in Bezug auf Franz Kafka aber meist übersehen wird, sind seine unglaublich präzisen Beschreibungen. Dabei gleicht beispielsweise die Eröffnung des Textes „Der Maler Titorelli“ einem Meisterstück moderner Erzählkunst. Es ist dies eine Milieuschilderung, die von solch einer sprachlichen Genauigkeit und Anschaulichkeit geprägt ist, dass man/frau sich ohne U

"Evelyn" (Jane Austen)
Jane Austen war anders als andere in ihrem Alter. Sie begann sehr früh, Geschichten zu schreiben, unterstützt durch den Vater, der Pfarrer war und der Tochter stets Zugang zu seiner Bibliothek gewährte. Eine spezielle frühe Förderung. Und schnell offenbart sich ihr erstaunliches Schreibtalent. Bereits mit 19 Jahren schreibt sie ihren ersten Roman, und bekanntlich sollten einige weitere und zudem s
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